Kleiner Höchst bei Ludwigswinkel-Schöntal 

(Geschrieben ca 2006 - Überarbeitet 2018)


Auch diese Geschichte spielt am Kleinen Höchst zwischen Ludwigswinkel und dem Ortsteil Schöntal. Bei unserer Wanderung werden wir den Arbeiterpfad von der Schuhfabrik über den Berg leider nicht  finden. Aber der kurze, alte Hohlweg oben ist noch erhalten.


Geodaten Hohlweg:

N  49°  9,904´    O  7°  39,583´     Höhe: 263 m



Der Geisterhund 

Noch im letzten Jahrhundert wurde er gesehen.

Es war Winter und früh dunkel. Ein Familienvater aus Schöntal ging von der Arbeit in der Schuhfabrik nach Hause. Wie immer nahm er den kürzesten Weg über den Kleinen Höchst. 

Dieser Abend war besonders dunkel und kalt. Dazu pfiff der Wind schauerlich durch die kahlen Bäume. Wie merkwürdig das tote Laub raschelte! Irgendwie war heute etwas anders. Aber er hätte nicht sagen können, was. Dem Mann schauderte. Schnell zog er seine Mütze tiefer ins Gesicht und den Schal enger um den Hals. So stapfte er dick vermummt unterhalb des Felsens entlang. 

 


Als er durch den Hohlweg kam, tauchte plötzlich über ihm am Waldrand ein Schatten auf. Leider war er durch die Dunkelheit kaum zu erkennen. Aber der Schatten war groß und schwarz und huschte gespenstisch lautlos neben ihm her. Etwas Bedrohliches lief dort oben! Etwas Unnatürliches! Voller Angst blieb der Mann stehen. Wie sollte er sich verhalten?

In dem Moment sprang der Schatten mit einem Riesensatz zu ihm in den Hohlweg herunter und versperrte ihm den Weg. Dem Mann stockte der Atem: Vor ihm stand ein riesiger, schwarzer Hund mit tellergroßen, feurigen Augen! Der Hund starrte ihn böse an. Und der Mann starrte voller Angst und Schrecken zurück. So standen sie reglos und starrten auf einander. Der eine mit gesträubtem Nackenfell und sprühenden Feueraugen und der andere mit schlotternden Knien. Es war totenstill. Nicht einmal der Wind pfiff.  

Endlich fand der Mann seine Stimme wieder und stotterte flehend: „Lieber Gott, hilf mir!“ Wie angestochen jaulte der Hund auf und wich ein paar Meter zurück. Nun wurde der Arbeiter mutiger. Er griff in die Tasche und holte ein kleines Kreuz heraus, das er immer bei sich trug. Mit zittrigen Händen warf er es auf den Höllenhund. Dabei rief er noch einmal, diesmal allerdings mit kräftigerer Stimme: „Lieber Gott, hilf und schenke dieser armen Seele ihren Frieden!“ Der Hund jaulte zum zweiten Mal auf. Doch lange nicht mehr so böse wie zu Anfang. Nein, sein Jaulen klang fast schon erfreut. Seine aggressive Haltung entspannte sich zusehends. Schließlich schien er sogar mit dem Schwanz zu wedeln. Dann legte er sich hin und schloss friedlich die Augen. Dieses Bild blieb noch einige Sekunden bestehen. Danach verblasste es und verschwand. Sofort setzte der Wind wieder ein und die Bäume raschelten. Aber sie raschelten nicht mehr unheimlich, sondern vertraut und beschützend.  

Der Mann wollte gerade erleichtert weiter gehen, da fiel ihm ein, dass er unbedingt sein Kreuz noch suchen müsse. Da lag es auch schon. Aber - konnte das wahr sein? Direkt neben seinem Kreuz stand ein Kästchen voll mit großen, alten Goldstücken! 

Von dieser Zeit an wurde der Geisterhund nicht mehr gesehen. Die Leute meinten, der Hund sei in seinem früheren Leben vielleicht ein Wegelagerer gewesen. Sicher hatte er dort oben am Hohlweg Menschen überfallen und ausgeraubt. Nach seinem Tod musste er zur Strafe so lange als Geisterhund umgehen, bis er endlich erlöst wurde. Die uralten, kostbaren Goldstücke stammten wohl noch aus seiner Räuberzeit. Sie waren so wertvoll, dass der Arbeiter für sich und seine Familie ein neues Haus bauen konnte.  

Wer von uns würde für so viel Gold nicht auch gerne Angst und Schrecken in Kauf nehmen? Hast du Lust, auch einmal bei Dunkelheit durch den alten Hohlweg zu gehen? Versuche es ruhig. Denn auch heute noch finden Leute dort oben die Spuren von riesigen Hundefüßen.